Michael Majerski über seinen Film „OberschlesienMichał Majerski o filmie „Oberschlesien”Michael Majerski über seinen Film „Oberschlesien

<!https://vimeo.com/user14636580 <! „Oberschlesien” – Hier, wo wir uns begegnen” (2013) <!Inhaltsangabe: „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen“ ist ein Dokumentarfilm, der ein empfindliches und bisher tabuisiertes Thema behandelt: die deutsch-polnischen Konflikte in Oberschlesien nach dem Krieg, die zerstörte Gemeinschaft als Folge der Vertreibungen aus dem annektierten Ostpolen und die massiven Aktivitäten der polnischen Nationalisten gegen die deutschen Schlesier heute. Der Film erzählt mit schockierender Direktheit, wie seit fast siebzig Jahren die Geschichte Oberschlesiens kontinuierlich verschwiegen und verdrängt wird und wie die Spuren der alten Kulturen vernichtet werden. Zum ersten Mal werden die Bemühungen der neuen Generation von Schlesiern gezeigt zu einer eigenen Identität zu finden, ohne dabei auf ein rechts-nationalistisches Niveau abzurutschen. Der Film macht deutlich, dass das Schweigen über die Konsequenzen der Umsiedlungen und die Migration der Kulturen in Europa durchbrochen werden muss. Denn das ist eine zwingende Voraussetzung für Diskussionen über die Bildung einer neuen europäischen Identität mit gemeinsamen Werten.

 <!https://www.youtube.com/watch?v=GHqu4UrciCM

<!Interview mit Michael Majerski zu seinem Film aus dem Jahr 2013 „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen”

Meine Filme sollen über Schlesien schreien Photo und Zwischentitel: 1.Wenn ich durch Polen fahre, sehe ich eine gigantische Bürokratie in Warschau und dicke Datschas in Masuren. Der Rest von Polen sollte sich für die schlesische Armut mitverantwortlich fühlen. 2.Mein Traum wäre, dass sich polnische und deutsche Vertriebene an einen Tisch setzten – Danuta Skalska aus Bytom und Erika Steinbach, beide aus dem Verband der Vertriebenen. Ich wüsste nicht was daraus geworden wäre, aber reden ist doch besser als zu klagen. 3.Bytom, das durch die Bergbauschäden buchstäblich in die Erde sinkt, ist ein Drama mit Weltdimension Mein Traum wäre eine Oper über den Untergang von Bytom zu machen. Von Josef Krzyk „Gazeta Wyborcza“ vom 11.10.2013 Katowice. Michael – eigentlich Michal – Majerski, seit Ende 1970 in Deutschland arbeitend, Schlesier, lebt in Berlin und Stettin, Absolvent der Filmhochschule in Lodz, hat sich als Spezialist für Themen erwiesen, um die andere einen weiten Bogen machen. In „ Meiner Mutter Land“ und „Meines Vaters Haus“ hat er uns über Polen erzählt, die nach dem 2.Weltkrieg Westpommern besiedelt haben, weil sie aus ihrer Heimat von Stalin verjagt wurden – und er erzählt auch über die Deutschen, die deshalb vertrieben wurden und sich einen anderen Platz zum Leben suchen mussten. Aber auch über deutsche Frauen spricht er, die trotz allem gewagt haben, dort unter den jetzt neuen und fremden Nachbarn zu bleiben. Majerski hat dabei nicht moralisiert und belehrt, sondern dokumentiert das Drama der Einen und der Anderen, der Entwurzelten, die in einer fremd gewordenen Welt verloren sind. Majerski gelang es, die Protagonisten über ihre eigenen Geschichten zum Reden bringen, über die sie Jahrzehnte lang geschwiegen haben. Ein ähnliches Kunststück gelang ihm in seinen schlesischen Dokumentarfilmen – „Oberschlesien-Streuselkuchen von zu Hause“ vor drei Jahren und in dem in diesen Tagen in Chorzow gezeigten „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen“ ( Lob an Krzysztof Karwat, der den Film in Rahmen der Zyklus „Oberschlesien – die kleine Heimat“ im Theater „Rozrywki“ präsentiert hat). Achtung Katastrophe ! Wenn der vorletzte Film eine Art nostalgische Reise durch Oberschlesien war, angereichert mit Gesprächen mit Schlesiern, die ausgewandert sind und sich ein neues Zuhause am Rhein erbauten, dann ist der neue Film von Majerski – das Ergebnis zweijähriger Arbeit – ein Schrei danach, Schlesien vor einer Katastrophe zu retten. Ein Schrei – betont durch Bilder von gesprengten Schachttürmen und toten Landschaften. Majerski hat die Seiten Schlesiens gezeigt, die keiner von denen, die hier leben, sehen will. Er hat eine Welt gefilmt von alten, auseinanderfallenden Arbeitersiedlungen, von armen Leuten bewohnt. Der einzig gut aussehende Ort in seinem Film ist ein neu gebauter Kreisverkehr in einer Kleinstadt, der als Kulisse für eine düstere Geschichte dient: Gleich unter der Oberfläche der neuen Straße liegen Skelette von jungen deutschen Gymnasiasten, denen irgendein Wahnsinniger in den letzten Kriegstagen befohlen hat, Soldatenuniformen anzuziehen und der sie unbewaffnet direkt vor die Maschinengewehre der einmarschierenden Rotarmisten schickte. In dem schlesischen Städtchen, in dem das passiert ist, wissen viele davon, aber nur einer – Majerski zeigt ihn – trauert. Er wohnt dort erst seit der Nachkriegszeit und ist kein Schlesier. Er hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen über seinen Großvater, der in der Nachkriegszeit von polnischen Sicherheitsbehörden des Polizeireviers in Mielec auf dem Müll vergraben wurde. Ähnlich traurig ist auch die Szene, in der die Kamera das Gelände der ehemaligen Lagers der NKWD in Tost besucht. Es ist vor Kurzem in ein Kohlenlager umgewandelt worden. Die Angehörigen derer, die hier zu Tode gefoltert wurden, dürfen keine Blumen niederlegen, weil sie nicht durch das Tor durchgelassen werden. Die Erben des Hasses Der Film von Majerski ist aber keine Abrechnung mit schlesischer Nachkriegsgeschichte, obwohl viele von seinen Protagonisten über ihr Unrecht erzählen. Majerski legt Wert darauf, dass sichtbar wird, wie wenig die Bewohner Schlesiens über einander wissen. Die Tatsache, dass sie alle in getrennten Welten und ohne wirkliche Kontakte untereinander leben, ist der Meinung des Regisseurs zufolge die Ursache der sich immer mehr vergrößernden schlesischer Katastrophe. „Nicht das fehlende Geld, sondern der fehlende Wille ist der Grund, weshalb Oberschlesien nicht dem Ruhrgebiet ähnelt“. Majerski beginnt seinen Film mit einem Motto, einer Warnung: „Wir sind die Erben des Hasses“. Unbewusst bestätigen das auch einige seiner Protagonisten. Seit über 60 Jahren leben sie auf gepackten Koffern und denken an die Schicksale der längst verstorbenen Eltern und Großeltern – und Majerski glaubt, dass auf diese Weise die Traumata an die nächste Generation weitergegeben werden. Die Politik – jetzt seid ihr an der Reihe Der Filmemacher meint, dass der Ausbruch aus dem verfluchten Kreis nur durch Annährung von allen gesellschaftlichen Kreisen in Schlesien und vor allem durch eine gründliche Reform der Schulbildung möglich sein kann. Eine erste Unterrichtsstunde hat er selber während seiner Arbeit an dem Film gegeben – die Schüler des Slowacki Lyzeum in Chorzow haben erfahren, dass ihre Schule früher einen anderen Namensgeber hatte. Dieser Film – das hat Majerski selber gesagt – ist für junge Menschen gedacht, damit diese ihre Augen für die Umwelt öffnen, in der sie leben. Es wäre aber auch gut, wenn sich diesen Film „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen“ auch Politiker anschauen würden, denn Majerski, der die Politik meidet, hat eine Wirklichkeit berührt, die sich nicht ändern wird, wenn die Politiker sie weiter ignorieren. Leider weiß man jedoch nicht, wo und wann man sich den Film nochmals anschauen könnte, da er nur selten gezeigt wird, was sehr schade ist. Ein Gespräch mit Michael Majerski Josef Krzyk: Warum haben Sie Oberschlesien in so düsteren Farben gezeigt, sind wir wirklich so? Michael Majerski: Das ist nur ein Kostüm, das aus dem Thema des Films hervorgeht und aus den Menschen, die ich dort getroffen habe. Als ich mit dem Drehen angefangen habe, hatte ich kein fertiges Drehbuch, ich wusste nicht in welche Richtung ich gehen werde. Hätte ich andere Menschen getroffen, würde ich in dem Film ein anderes Schlesien zeigen. Manchmal hatte ich den Eindruck, das ist ein Film über die letzten Schlesier. Wollten sie das zeigen? Mein Film ist ein Schrei, weil ich zu Schlesien ein sehr emotionelles Verhältnis habe. Ich stamme von hier und sehe, dass die Reste unserer Kultur verschwinden. Vielleicht ist das ein natürlicher Ablauf der Dinge, es schmerzt aber trotzdem. Haben sie nicht aufgehört sich als Schlesier zu fühlen, obwohl sie hier seit über 30 Jahre nicht mehr leben ? Ich bin in Polanica (Altheide Bad) geboren wo meine Mutter eine Arbeitsanweisung bekommen hatte. Dort hat sie dann meinen polnischen Vater kennen gelernt. Groß geworden bin ich aber in Gliwice (Gleiwitz), in dem Stadtteil, den man das „Bermudadreieck“ nennt. Das ist ein Viertel wo alles zusammenfällt – die Czeslawa und die Franciszkanska Straße. In Gliwice gibt’s doch viele schönere Plätze. Könnte man nicht lieber dort drehen? Auseinanderfallende Siedlungen gibt’s nicht nur in meinem „Bermudadreieck“. Als ich den Film gedreht habe, habe nicht daran gedacht, ob ich gerade in Gliwice, Bytom oder Zabrze bin. Das durch Bergbauschäden in den Boden sinkende Bytom, das ist ein Drama von entsetzlichem Ausmaß. Mein Traum wäre, darüber eine Oper zu machen. Die Schwerindustrie, die früher für Schlesien ein Segen war, ist heute zum Fluch geworden? Einen anderen Ort, an dem sich so viele überalterte Schwerindustrieanlagen befinden, gibt es in Polen sonst nicht. Diese Industrie gilt es komplett zu revitalisieren, Schlesien und die Schlesier alleine schaffen das aus eigenen Kräften nicht. Was sollte man Ihrer Meinung nach tun? Wenn es nicht diese antideutsche Einstellung gäbe, dann könnte man einen Anfang dadurch machen, dass man sich in den Zug setzt und in wenigen Stunden in das Ruhrgebiet fährt: und sich ansehen, wie man dort das Problem gelöst hat. Sie scherzen! Dort wurden Milliarden ausgegeben. Die kriegt man in Polen nicht. Das Geld ist nicht das Problem, sondern vor allem die fehlenden Konzepte und Entscheidungen. Wenn sich jemand mit fehlendem Geld herausredet, dann glaube ich nicht daran. Zunächst sollte man selber für eine Sache überzeugt auftreten, sich zusammen organisieren und dann wird sich das Geld finden können. Sogar in solchen Ruinen, wie Sie in dem Film gezeigt haben, lässt sich also was machen? Gäbe es in Oberschlesien z.B. Kunstgalerien, dann würden sich auch Investoren finden, die hier ihr Kapital investieren. Es wird dann klar: hier gibt’s Menschen, die über den Tellerrand schauen können und sie werden unsere Vorhaben absichern können. Wer soll das machen, wenn die Menschen, die in dem Film zu sehen sind – sogar die, die schon lange hier leben – sich in Schlesien immer noch fremd fühlen? Ich möchte nicht missverstanden werden, aber mir fallen hier die Vertriebenenverbände ein. Die Menschen, die dort organisiert sind, leben oft nur in der Vergangenheit, anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie man das heutige Leben gestalten könnte. Ich verstehe diese Menschen gut, weil sie in ihren Traumata versunken sind und keiner ihnen dabei hilft. Es gibt doch den Spruch, dass man sich am eigenen Schopf nicht aus dem Dreck herausziehen kann. Polnische Vertriebene aus den ehemals polnischen Gebieten sind zu hermetisch. Ich meine: warum könnten sich Frau Skalska und Frau Steinbach nicht zusammen an einen Tisch setzen und über Lösungen für Schlesien sprechen? Vielleicht weil jede von ihnen lieber über ihre eigenen Probleme reden als die der anderen zuhören will? Ich bin mir darüber bewusst, welche Gefahren ein solches Treffen mit sich bringen würde, aber ich denke trotzdem, dass einen Versuch wert wäre. Das ist doch auf jeden Fall besser als ständiges Klagen. Das übrige Polen hört ungern das ständige Jammern in Oberschlesien. Wie könnte man sie von einem Meinungswechsel überzeugen? Es geht nicht um übertriebene schlesische Ansprüche. Wenn ich durch Polen fahre, sehe ich in Warschau eine gigantische Bürokratie und dicke Datschas in Masuren. Das übrige Polen sollte sich für die schlesische Armut mitverantwortlich fühlen. Sind sie für schlesische Autonomie? Egal wie man das nennt, aber die Entscheidungsträger sollten doch akzeptieren, dass diese Region völlig anders als die anderen ist und man darf sie nicht mehr so behandeln wie bisher, weil das nicht funktioniert. Ich habe keine Patentrezepte, aber ich weiß, dass es mittlerweile zu wenige Einheimische in Oberschlesien gibt und sie alleine Schlesien vor dem Zusammenbruch nicht retten können. Schlesien war immer multikulturell und so soll es auch weiterhin bleiben. Mein Traum wäre, dass Frau Skalska und andere polnische Vertriebene sagen würden: auch wir sind Schlesier, mehrsprachige schlesische Ethnien. Schlesien ist unsere Heimat, für die wir die Verantwortung übernehmen werden und deren Schicksal in unseren Herzen liegt. Sie sind Fantast. Man sollte man doch mit irgendetwas anfangen, auch wenn es nur kleine Schritte wären. Durch den Film konnte sich bereits etwas bewegen. Nachdem ich mit der Kamera nach Tost gefahren bin um zu zeigen, was dort auf dem Gelände des ehemaligen NKWD Lager passiert, wurde dort ein Gottesdienst vom Bischoff abgehalten. Und die Schulen, in denen ich gedreht habe, haben mich eingeladen, meinen Film zu zeigen. .

Interview mit Michael Majerski zu seinem Film aus dem Jahr 2010 „Oberschlesien – Streuselkuchen von zu Hause”

<! „Oberschlesien– kołocz na droga“ „Lass mal, jetzt ist hier Polen!“ Der Filmemacher Michael Majerski aus Berlin hat mit dem im vergangenen Jahr erschienenen Film „Oberschlesien – kołocz na droga“ (Streuselkuchen von zu Hause) für heftige Debatten gesorgt. Till Scholtz-Knobloch befragte ihn, wieso ein Dokumentarfilm so starke Emotionen auslöst.

Herr Majerski, Schlesien ist in Deutschland heute eher unbekannt. Nach den Filmen „Meines Vaters Haus“ und „Meiner Mutter Land – ich war eine Deutsche“ beschäftigen Sie sich ganz unmittelbar mit der Sicht der Oberschlesier auf Schlesien heute. Wie sind die Reaktionen? Mich wundern die Reaktionen. Obwohl der Film relativ unbekannt ist, sind die Säle voll, die Leute stehen vor dem Kino auf der Straße um ihn zu sehen, und es entsteht eine sehr emotionelle Diskussion danach. Ich frage mich: Was ist denn hier los? Bei so einem doch einfachen Film, der eigentlich nur – wenn auch selektiv – über Dinge berichtet, die eigentlich bekannt sein sollten. Genau das ist oft nicht der Fall. Es gibt Leute – auch Ältere – die in der Schule oder von den Eltern nichts über die deutsche Vergangenheit dieses Land gelernt haben weil es ein Tabuthema nach dem Krieg war. Das war auch bei mir der Fall. Meine Eltern haben mir auch nicht auf Fragen geantwortet, sie sagten immer: „Nun lass es mal, es ist vorbei, jetzt ist hier Polen!“. Haben Sie eine Idee, wieso so viele Oberschlesier sich so distanziert zur eigenen Geschichte stellen? Diese Haltung kann ich sehr gut verstehen, sie war einst auch meine Haltung und vielleicht ist sie es noch …? (überlegt). Ich bin in Oberschlesien aufgewachsen und 1972 ganz bewusst weggegangen und ich habe mir gesagt: „Ich komme nie wieder hierher“. Jetzt aber, nach so vielen Jahren, habe ich auf meine Vergangenheit besonnen. Meine Eltern leben nicht mehr und ich konnte ihnen nun keine Fragen mehr über Schlesiens Geschichte stellen. Deswegen dachte ich, dass ich einen Film über Menschen mache, die mich selber interessieren. So, als ob die Leute vor der Kamera meine Eltern wären. Je tiefer man in den Wald geht, umso mehr Bäume stehen vor einem. Die Geschichte hat sich für mich verkompliziert, weil ich auf eine unglaublich reiche Geschichte gestoßen bin. Setzt man die komplizierte Politik dazu wird es noch komplizierter. Der Film ist also in erster Linie für Sie selbst gedacht? Ja, aber es ist eine normale Situation, denn man macht entweder Handwerk fürs kommerzielle Fernsehen oder man macht Filme als Künstler. Filme machen ist mein Beruf und die letzten drei Filme sind eigentlich meine drei Filme, die ohne Auftrag entstanden sind. War das Publikum ein ausschließlich oberschlesisches oder gab es auch polnische Zuschauer, die auf verschlossene Seelenwelten stießen? Im Publikum sah ich meistens die alten Autochtonen. Die Polen interessieren sich herzlich wenig dafür, und von den wenigen, die da waren, sind einige raus gegangen – auch mit Türknallen. Die Geschichte, die im Film gezeigt wird, steht zwischen Deutschland und Polen und passt weder Polen, aber auch nicht den Deutschen. Die Reaktionen aus Reihen der Deutschen Minderheit oder in Deutschland sind eher nicht positiv. Der Vorwurf ist – was ich auch verstehen kann – da kämen keine Polen und keine Deutschen zu Wort bzw. solche, die man so identifiziert. Viele Deutsche, die ich gerne interviewt hätte, konnten kein Deutsch, zumindest kein brauchbares – ich wollte aber niemanden lächerlich machen. Ich werde in meinem nächsten Film versuchen, zu erklären, warum sie kein perfektes Deutsch sprechen. Ich möchte gerne Spuren deutschsprachiger Kultur zeigen und fragen, ob die deutsche Sprache hier Zukunft hat. Wollen Sie in Europa zeigen, dass dies ein Land voller unverarbeiteter Spannungen ist oder wollen Sie eher den Leuten hier helfen, die eigene Vergangenheit besser zu verstehen? Auf eine ganz komische Weise verstehen den Film alle. Man ist mir dankbar, dass man endlich von Schlesien etwas erfährt, worüber man nichts wusste. In Deutschland wie in Europa. Und interessanterweise trifft genau das auch auf viele hiesige Schlesier vor allem in der jungen Generation zu. Sie haben als Filmemacher bereits mit Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen gesprochen. Können Sie eine spezielle oberschlesische Charakteristik ausmachen? Meine drei Filme ähneln sich. Es geht um Menschen, die zwischen zwei Kulturen leben, meistens in Polen, und wenn sie in Deutschland leben, sind sie tief in der Kultur hier verwurzelt. Mir ist eben besonders aufgefallen, dass die Menschen bei persönlichen Betrachtungen noch sehr viel Angst haben. Viele wollen über Politik nicht reden. Ist es eher Angst oder Scham, weil man sich als Mensch zweiter Klasse stigmatisiert gefühlt hat. Oder ist es ein Artikulationsproblem? Ich rede über Oberschlesier, die polnisch gesprochen haben und sagten, sie wären Deutsche, was ich zu akzeptieren hatte. Aber zu diesen Themen sprachen alle komplett polnisch. Viele sagten, sie würden von Nachbarn verachtet, wenn sie ihre deutsche Zugehörigkeit preisgeben würden. Viele Oberschlesier sind weder in der deutschen Sprache noch in der Polnischen richtig zu Hause, sie haben ihren Dialekt. Dann ist es wohl doch eher Scham als Angst, denn man muss doch keine Angst mehr vor Repressalien haben. (Majerski überlegt lange) Moment… Es war für mich immer gut die Menschen von Anfang an Deutsch anzusprechen. Sie wussten dann, dass ich aus Deutschland komme und hatten weniger Hemmungen zu erzählen. Für sie war es sogar ganz wichtig zu wissen, dass ihre Geschichte nicht in Schlesien oder in Pommern bleibt. Vor allem bei den wenigen versprengt lebenden Deutschen in Pommern war es ganz wichtig, dass wir nur Deutsch kommunizierten.<!

 

<! „Oberschlesien” – Hier, wo wir uns begegnen” (2013) Inhaltsangabe: „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen“ ist ein Dokumentarfilm, der ein empfindliches und bisher tabuisiertes Thema behandelt: die deutsch-polnischen Konflikte in Oberschlesien nach dem Krieg, die zerstörte Gemeinschaft als Folge der Vertreibungen aus dem annektierten Ostpolen und die massiven Aktivitäten der polnischen Nationalisten gegen die deutschen Schlesier heute. Der Film erzählt mit schockierender Direktheit, wie seit fast siebzig Jahren die Geschichte Oberschlesiens kontinuierlich verschwiegen und verdrängt wird und wie die Spuren der alten Kulturen vernichtet werden. Zum ersten Mal werden die Bemühungen der neuen Generation von Schlesiern gezeigt zu einer eigenen Identität zu finden, ohne dabei auf ein rechts-nationalistisches Niveau abzurutschen. Der Film macht deutlich, dass das Schweigen über die Konsequenzen der Umsiedlungen und die Migration der Kulturen in Europa durchbrochen werden muss. Denn das ist eine zwingende Voraussetzung für Diskussionen über die Bildung einer neuen europäischen Identität mit gemeinsamen Werten.

 

Interview mit Michael Majerski zu seinem Film aus dem Jahr 2013 „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen”

Meine Filme sollen über Schlesien schreien Photo und Zwischentitel: 1.Wenn ich durch Polen fahre, sehe ich eine gigantische Bürokratie in Warschau und dicke Datschas in Masuren. Der Rest von Polen sollte sich für die schlesische Armut mitverantwortlich fühlen. 2.Mein Traum wäre, dass sich polnische und deutsche Vertriebene an einen Tisch setzten – Danuta Skalska aus Bytom und Erika Steinbach, beide aus dem Verband der Vertriebenen. Ich wüsste nicht was daraus geworden wäre, aber reden ist doch besser als zu klagen. 3.Bytom, das durch die Bergbauschäden buchstäblich in die Erde sinkt, ist ein Drama mit Weltdimension Mein Traum wäre eine Oper über den Untergang von Bytom zu machen. Von Josef Krzyk „Gazeta Wyborcza“ vom 11.10.2013 Katowice. Michael – eigentlich Michal – Majerski, seit Ende 1970 in Deutschland arbeitend, Schlesier, lebt in Berlin und Stettin, Absolvent der Filmhochschule in Lodz, hat sich als Spezialist für Themen erwiesen, um die andere einen weiten Bogen machen. In „ Meiner Mutter Land“ und „Meines Vaters Haus“ hat er uns über Polen erzählt, die nach dem 2.Weltkrieg Westpommern besiedelt haben, weil sie aus ihrer Heimat von Stalin verjagt wurden – und er erzählt auch über die Deutschen, die deshalb vertrieben wurden und sich einen anderen Platz zum Leben suchen mussten. Aber auch über deutsche Frauen spricht er, die trotz allem gewagt haben, dort unter den jetzt neuen und fremden Nachbarn zu bleiben. Majerski hat dabei nicht moralisiert und belehrt, sondern dokumentiert das Drama der Einen und der Anderen, der Entwurzelten, die in einer fremd gewordenen Welt verloren sind. Majerski gelang es, die Protagonisten über ihre eigenen Geschichten zum Reden bringen, über die sie Jahrzehnte lang geschwiegen haben. Ein ähnliches Kunststück gelang ihm in seinen schlesischen Dokumentarfilmen – „Oberschlesien-Streuselkuchen von zu Hause“ vor drei Jahren und in dem in diesen Tagen in Chorzow gezeigten „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen“ ( Lob an Krzysztof Karwat, der den Film in Rahmen der Zyklus „Oberschlesien – die kleine Heimat“ im Theater „Rozrywki“ präsentiert hat). Achtung Katastrophe ! Wenn der vorletzte Film eine Art nostalgische Reise durch Oberschlesien war, angereichert mit Gesprächen mit Schlesiern, die ausgewandert sind und sich ein neues Zuhause am Rhein erbauten, dann ist der neue Film von Majerski – das Ergebnis zweijähriger Arbeit – ein Schrei danach, Schlesien vor einer Katastrophe zu retten. Ein Schrei – betont durch Bilder von gesprengten Schachttürmen und toten Landschaften. Majerski hat die Seiten Schlesiens gezeigt, die keiner von denen, die hier leben, sehen will. Er hat eine Welt gefilmt von alten, auseinanderfallenden Arbeitersiedlungen, von armen Leuten bewohnt. Der einzig gut aussehende Ort in seinem Film ist ein neu gebauter Kreisverkehr in einer Kleinstadt, der als Kulisse für eine düstere Geschichte dient: Gleich unter der Oberfläche der neuen Straße liegen Skelette von jungen deutschen Gymnasiasten, denen irgendein Wahnsinniger in den letzten Kriegstagen befohlen hat, Soldatenuniformen anzuziehen und der sie unbewaffnet direkt vor die Maschinengewehre der einmarschierenden Rotarmisten schickte. In dem schlesischen Städtchen, in dem das passiert ist, wissen viele davon, aber nur einer – Majerski zeigt ihn – trauert. Er wohnt dort erst seit der Nachkriegszeit und ist kein Schlesier. Er hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen über seinen Großvater, der in der Nachkriegszeit von polnischen Sicherheitsbehörden des Polizeireviers in Mielec auf dem Müll vergraben wurde. Ähnlich traurig ist auch die Szene, in der die Kamera das Gelände der ehemaligen Lagers der NKWD in Tost besucht. Es ist vor Kurzem in ein Kohlenlager umgewandelt worden. Die Angehörigen derer, die hier zu Tode gefoltert wurden, dürfen keine Blumen niederlegen, weil sie nicht durch das Tor durchgelassen werden. Die Erben des Hasses Der Film von Majerski ist aber keine Abrechnung mit schlesischer Nachkriegsgeschichte, obwohl viele von seinen Protagonisten über ihr Unrecht erzählen. Majerski legt Wert darauf, dass sichtbar wird, wie wenig die Bewohner Schlesiens über einander wissen. Die Tatsache, dass sie alle in getrennten Welten und ohne wirkliche Kontakte untereinander leben, ist der Meinung des Regisseurs zufolge die Ursache der sich immer mehr vergrößernden schlesischer Katastrophe. „Nicht das fehlende Geld, sondern der fehlende Wille ist der Grund, weshalb Oberschlesien nicht dem Ruhrgebiet ähnelt“. Majerski beginnt seinen Film mit einem Motto, einer Warnung: „Wir sind die Erben des Hasses“. Unbewusst bestätigen das auch einige seiner Protagonisten. Seit über 60 Jahren leben sie auf gepackten Koffern und denken an die Schicksale der längst verstorbenen Eltern und Großeltern – und Majerski glaubt, dass auf diese Weise die Traumata an die nächste Generation weitergegeben werden. Die Politik – jetzt seid ihr an der Reihe Der Filmemacher meint, dass der Ausbruch aus dem verfluchten Kreis nur durch Annährung von allen gesellschaftlichen Kreisen in Schlesien und vor allem durch eine gründliche Reform der Schulbildung möglich sein kann. Eine erste Unterrichtsstunde hat er selber während seiner Arbeit an dem Film gegeben – die Schüler des Slowacki Lyzeum in Chorzow haben erfahren, dass ihre Schule früher einen anderen Namensgeber hatte. Dieser Film – das hat Majerski selber gesagt – ist für junge Menschen gedacht, damit diese ihre Augen für die Umwelt öffnen, in der sie leben. Es wäre aber auch gut, wenn sich diesen Film „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen“ auch Politiker anschauen würden, denn Majerski, der die Politik meidet, hat eine Wirklichkeit berührt, die sich nicht ändern wird, wenn die Politiker sie weiter ignorieren. Leider weiß man jedoch nicht, wo und wann man sich den Film nochmals anschauen könnte, da er nur selten gezeigt wird, was sehr schade ist. Ein Gespräch mit Michael Majerski Josef Krzyk: Warum haben Sie Oberschlesien in so düsteren Farben gezeigt, sind wir wirklich so? Michael Majerski: Das ist nur ein Kostüm, das aus dem Thema des Films hervorgeht und aus den Menschen, die ich dort getroffen habe. Als ich mit dem Drehen angefangen habe, hatte ich kein fertiges Drehbuch, ich wusste nicht in welche Richtung ich gehen werde. Hätte ich andere Menschen getroffen, würde ich in dem Film ein anderes Schlesien zeigen. Manchmal hatte ich den Eindruck, das ist ein Film über die letzten Schlesier. Wollten sie das zeigen? Mein Film ist ein Schrei, weil ich zu Schlesien ein sehr emotionelles Verhältnis habe. Ich stamme von hier und sehe, dass die Reste unserer Kultur verschwinden. Vielleicht ist das ein natürlicher Ablauf der Dinge, es schmerzt aber trotzdem. Haben sie nicht aufgehört sich als Schlesier zu fühlen, obwohl sie hier seit über 30 Jahre nicht mehr leben ? Ich bin in Polanica (Altheide Bad) geboren wo meine Mutter eine Arbeitsanweisung bekommen hatte. Dort hat sie dann meinen polnischen Vater kennen gelernt. Groß geworden bin ich aber in Gliwice (Gleiwitz), in dem Stadtteil, den man das „Bermudadreieck“ nennt. Das ist ein Viertel wo alles zusammenfällt – die Czeslawa und die Franciszkanska Straße. In Gliwice gibt’s doch viele schönere Plätze. Könnte man nicht lieber dort drehen? Auseinanderfallende Siedlungen gibt’s nicht nur in meinem „Bermudadreieck“. Als ich den Film gedreht habe, habe nicht daran gedacht, ob ich gerade in Gliwice, Bytom oder Zabrze bin. Das durch Bergbauschäden in den Boden sinkende Bytom, das ist ein Drama von entsetzlichem Ausmaß. Mein Traum wäre, darüber eine Oper zu machen. Die Schwerindustrie, die früher für Schlesien ein Segen war, ist heute zum Fluch geworden? Einen anderen Ort, an dem sich so viele überalterte Schwerindustrieanlagen befinden, gibt es in Polen sonst nicht. Diese Industrie gilt es komplett zu revitalisieren, Schlesien und die Schlesier alleine schaffen das aus eigenen Kräften nicht. Was sollte man Ihrer Meinung nach tun? Wenn es nicht diese antideutsche Einstellung gäbe, dann könnte man einen Anfang dadurch machen, dass man sich in den Zug setzt und in wenigen Stunden in das Ruhrgebiet fährt: und sich ansehen, wie man dort das Problem gelöst hat. Sie scherzen! Dort wurden Milliarden ausgegeben. Die kriegt man in Polen nicht. Das Geld ist nicht das Problem, sondern vor allem die fehlenden Konzepte und Entscheidungen. Wenn sich jemand mit fehlendem Geld herausredet, dann glaube ich nicht daran. Zunächst sollte man selber für eine Sache überzeugt auftreten, sich zusammen organisieren und dann wird sich das Geld finden können. Sogar in solchen Ruinen, wie Sie in dem Film gezeigt haben, lässt sich also was machen? Gäbe es in Oberschlesien z.B. Kunstgalerien, dann würden sich auch Investoren finden, die hier ihr Kapital investieren. Es wird dann klar: hier gibt’s Menschen, die über den Tellerrand schauen können und sie werden unsere Vorhaben absichern können. Wer soll das machen, wenn die Menschen, die in dem Film zu sehen sind – sogar die, die schon lange hier leben – sich in Schlesien immer noch fremd fühlen? Ich möchte nicht missverstanden werden, aber mir fallen hier die Vertriebenenverbände ein. Die Menschen, die dort organisiert sind, leben oft nur in der Vergangenheit, anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie man das heutige Leben gestalten könnte. Ich verstehe diese Menschen gut, weil sie in ihren Traumata versunken sind und keiner ihnen dabei hilft. Es gibt doch den Spruch, dass man sich am eigenen Schopf nicht aus dem Dreck herausziehen kann. Polnische Vertriebene aus den ehemals polnischen Gebieten sind zu hermetisch. Ich meine: warum könnten sich Frau Skalska und Frau Steinbach nicht zusammen an einen Tisch setzen und über Lösungen für Schlesien sprechen? Vielleicht weil jede von ihnen lieber über ihre eigenen Probleme reden als die der anderen zuhören will? Ich bin mir darüber bewusst, welche Gefahren ein solches Treffen mit sich bringen würde, aber ich denke trotzdem, dass einen Versuch wert wäre. Das ist doch auf jeden Fall besser als ständiges Klagen. Das übrige Polen hört ungern das ständige Jammern in Oberschlesien. Wie könnte man sie von einem Meinungswechsel überzeugen? Es geht nicht um übertriebene schlesische Ansprüche. Wenn ich durch Polen fahre, sehe ich in Warschau eine gigantische Bürokratie und dicke Datschas in Masuren. Das übrige Polen sollte sich für die schlesische Armut mitverantwortlich fühlen. Sind sie für schlesische Autonomie? Egal wie man das nennt, aber die Entscheidungsträger sollten doch akzeptieren, dass diese Region völlig anders als die anderen ist und man darf sie nicht mehr so behandeln wie bisher, weil das nicht funktioniert. Ich habe keine Patentrezepte, aber ich weiß, dass es mittlerweile zu wenige Einheimische in Oberschlesien gibt und sie alleine Schlesien vor dem Zusammenbruch nicht retten können. Schlesien war immer multikulturell und so soll es auch weiterhin bleiben. Mein Traum wäre, dass Frau Skalska und andere polnische Vertriebene sagen würden: auch wir sind Schlesier, mehrsprachige schlesische Ethnien. Schlesien ist unsere Heimat, für die wir die Verantwortung übernehmen werden und deren Schicksal in unseren Herzen liegt. Sie sind Fantast. Man sollte man doch mit irgendetwas anfangen, auch wenn es nur kleine Schritte wären. Durch den Film konnte sich bereits etwas bewegen. Nachdem ich mit der Kamera nach Tost gefahren bin um zu zeigen, was dort auf dem Gelände des ehemaligen NKWD Lager passiert, wurde dort ein Gottesdienst vom Bischoff abgehalten. Und die Schulen, in denen ich gedreht habe, haben mich eingeladen, meinen Film zu zeigen. .

Interview mit Michael Majerski zu seinem Film aus dem Jahr 2010 „Oberschlesien – Streuselkuchen von zu Hause”

 <! „Oberschlesien” – Hier, wo wir uns begegnen” (2013) Inhaltsangabe: „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen“ ist ein Dokumentarfilm, der ein empfindliches und bisher tabuisiertes Thema behandelt: die deutsch-polnischen Konflikte in Oberschlesien nach dem Krieg, die zerstörte Gemeinschaft als Folge der Vertreibungen aus dem annektierten Ostpolen und die massiven Aktivitäten der polnischen Nationalisten gegen die deutschen Schlesier heute. Der Film erzählt mit schockierender Direktheit, wie seit fast siebzig Jahren die Geschichte Oberschlesiens kontinuierlich verschwiegen und verdrängt wird und wie die Spuren der alten Kulturen vernichtet werden. Zum ersten Mal werden die Bemühungen der neuen Generation von Schlesiern gezeigt zu einer eigenen Identität zu finden, ohne dabei auf ein rechts-nationalistisches Niveau abzurutschen. Der Film macht deutlich, dass das Schweigen über die Konsequenzen der Umsiedlungen und die Migration der Kulturen in Europa durchbrochen werden muss. Denn das ist eine zwingende Voraussetzung für Diskussionen über die Bildung einer neuen europäischen Identität mit gemeinsamen Werten.

 

Interview mit Michael Majerski zu seinem Film aus dem Jahr 2013 „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen”

Meine Filme sollen über Schlesien schreien Photo und Zwischentitel: 1.Wenn ich durch Polen fahre, sehe ich eine gigantische Bürokratie in Warschau und dicke Datschas in Masuren. Der Rest von Polen sollte sich für die schlesische Armut mitverantwortlich fühlen. 2.Mein Traum wäre, dass sich polnische und deutsche Vertriebene an einen Tisch setzten – Danuta Skalska aus Bytom und Erika Steinbach, beide aus dem Verband der Vertriebenen. Ich wüsste nicht was daraus geworden wäre, aber reden ist doch besser als zu klagen. 3.Bytom, das durch die Bergbauschäden buchstäblich in die Erde sinkt, ist ein Drama mit Weltdimension Mein Traum wäre eine Oper über den Untergang von Bytom zu machen. Von Josef Krzyk „Gazeta Wyborcza“ vom 11.10.2013 Katowice. Michael – eigentlich Michal – Majerski, seit Ende 1970 in Deutschland arbeitend, Schlesier, lebt in Berlin und Stettin, Absolvent der Filmhochschule in Lodz, hat sich als Spezialist für Themen erwiesen, um die andere einen weiten Bogen machen. In „ Meiner Mutter Land“ und „Meines Vaters Haus“ hat er uns über Polen erzählt, die nach dem 2.Weltkrieg Westpommern besiedelt haben, weil sie aus ihrer Heimat von Stalin verjagt wurden – und er erzählt auch über die Deutschen, die deshalb vertrieben wurden und sich einen anderen Platz zum Leben suchen mussten. Aber auch über deutsche Frauen spricht er, die trotz allem gewagt haben, dort unter den jetzt neuen und fremden Nachbarn zu bleiben. Majerski hat dabei nicht moralisiert und belehrt, sondern dokumentiert das Drama der Einen und der Anderen, der Entwurzelten, die in einer fremd gewordenen Welt verloren sind. Majerski gelang es, die Protagonisten über ihre eigenen Geschichten zum Reden bringen, über die sie Jahrzehnte lang geschwiegen haben. Ein ähnliches Kunststück gelang ihm in seinen schlesischen Dokumentarfilmen – „Oberschlesien-Streuselkuchen von zu Hause“ vor drei Jahren und in dem in diesen Tagen in Chorzow gezeigten „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen“ ( Lob an Krzysztof Karwat, der den Film in Rahmen der Zyklus „Oberschlesien – die kleine Heimat“ im Theater „Rozrywki“ präsentiert hat). Achtung Katastrophe ! Wenn der vorletzte Film eine Art nostalgische Reise durch Oberschlesien war, angereichert mit Gesprächen mit Schlesiern, die ausgewandert sind und sich ein neues Zuhause am Rhein erbauten, dann ist der neue Film von Majerski – das Ergebnis zweijähriger Arbeit – ein Schrei danach, Schlesien vor einer Katastrophe zu retten. Ein Schrei – betont durch Bilder von gesprengten Schachttürmen und toten Landschaften. Majerski hat die Seiten Schlesiens gezeigt, die keiner von denen, die hier leben, sehen will. Er hat eine Welt gefilmt von alten, auseinanderfallenden Arbeitersiedlungen, von armen Leuten bewohnt. Der einzig gut aussehende Ort in seinem Film ist ein neu gebauter Kreisverkehr in einer Kleinstadt, der als Kulisse für eine düstere Geschichte dient: Gleich unter der Oberfläche der neuen Straße liegen Skelette von jungen deutschen Gymnasiasten, denen irgendein Wahnsinniger in den letzten Kriegstagen befohlen hat, Soldatenuniformen anzuziehen und der sie unbewaffnet direkt vor die Maschinengewehre der einmarschierenden Rotarmisten schickte. In dem schlesischen Städtchen, in dem das passiert ist, wissen viele davon, aber nur einer – Majerski zeigt ihn – trauert. Er wohnt dort erst seit der Nachkriegszeit und ist kein Schlesier. Er hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen über seinen Großvater, der in der Nachkriegszeit von polnischen Sicherheitsbehörden des Polizeireviers in Mielec auf dem Müll vergraben wurde. Ähnlich traurig ist auch die Szene, in der die Kamera das Gelände der ehemaligen Lagers der NKWD in Tost besucht. Es ist vor Kurzem in ein Kohlenlager umgewandelt worden. Die Angehörigen derer, die hier zu Tode gefoltert wurden, dürfen keine Blumen niederlegen, weil sie nicht durch das Tor durchgelassen werden. Die Erben des Hasses Der Film von Majerski ist aber keine Abrechnung mit schlesischer Nachkriegsgeschichte, obwohl viele von seinen Protagonisten über ihr Unrecht erzählen. Majerski legt Wert darauf, dass sichtbar wird, wie wenig die Bewohner Schlesiens über einander wissen. Die Tatsache, dass sie alle in getrennten Welten und ohne wirkliche Kontakte untereinander leben, ist der Meinung des Regisseurs zufolge die Ursache der sich immer mehr vergrößernden schlesischer Katastrophe. „Nicht das fehlende Geld, sondern der fehlende Wille ist der Grund, weshalb Oberschlesien nicht dem Ruhrgebiet ähnelt“. Majerski beginnt seinen Film mit einem Motto, einer Warnung: „Wir sind die Erben des Hasses“. Unbewusst bestätigen das auch einige seiner Protagonisten. Seit über 60 Jahren leben sie auf gepackten Koffern und denken an die Schicksale der längst verstorbenen Eltern und Großeltern – und Majerski glaubt, dass auf diese Weise die Traumata an die nächste Generation weitergegeben werden. Die Politik – jetzt seid ihr an der Reihe Der Filmemacher meint, dass der Ausbruch aus dem verfluchten Kreis nur durch Annährung von allen gesellschaftlichen Kreisen in Schlesien und vor allem durch eine gründliche Reform der Schulbildung möglich sein kann. Eine erste Unterrichtsstunde hat er selber während seiner Arbeit an dem Film gegeben – die Schüler des Slowacki Lyzeum in Chorzow haben erfahren, dass ihre Schule früher einen anderen Namensgeber hatte. Dieser Film – das hat Majerski selber gesagt – ist für junge Menschen gedacht, damit diese ihre Augen für die Umwelt öffnen, in der sie leben. Es wäre aber auch gut, wenn sich diesen Film „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen“ auch Politiker anschauen würden, denn Majerski, der die Politik meidet, hat eine Wirklichkeit berührt, die sich nicht ändern wird, wenn die Politiker sie weiter ignorieren. Leider weiß man jedoch nicht, wo und wann man sich den Film nochmals anschauen könnte, da er nur selten gezeigt wird, was sehr schade ist. Ein Gespräch mit Michael Majerski Josef Krzyk: Warum haben Sie Oberschlesien in so düsteren Farben gezeigt, sind wir wirklich so? Michael Majerski: Das ist nur ein Kostüm, das aus dem Thema des Films hervorgeht und aus den Menschen, die ich dort getroffen habe. Als ich mit dem Drehen angefangen habe, hatte ich kein fertiges Drehbuch, ich wusste nicht in welche Richtung ich gehen werde. Hätte ich andere Menschen getroffen, würde ich in dem Film ein anderes Schlesien zeigen. Manchmal hatte ich den Eindruck, das ist ein Film über die letzten Schlesier. Wollten sie das zeigen? Mein Film ist ein Schrei, weil ich zu Schlesien ein sehr emotionelles Verhältnis habe. Ich stamme von hier und sehe, dass die Reste unserer Kultur verschwinden. Vielleicht ist das ein natürlicher Ablauf der Dinge, es schmerzt aber trotzdem. Haben sie nicht aufgehört sich als Schlesier zu fühlen, obwohl sie hier seit über 30 Jahre nicht mehr leben ? Ich bin in Polanica (Altheide Bad) geboren wo meine Mutter eine Arbeitsanweisung bekommen hatte. Dort hat sie dann meinen polnischen Vater kennen gelernt. Groß geworden bin ich aber in Gliwice (Gleiwitz), in dem Stadtteil, den man das „Bermudadreieck“ nennt. Das ist ein Viertel wo alles zusammenfällt – die Czeslawa und die Franciszkanska Straße. In Gliwice gibt’s doch viele schönere Plätze. Könnte man nicht lieber dort drehen? Auseinanderfallende Siedlungen gibt’s nicht nur in meinem „Bermudadreieck“. Als ich den Film gedreht habe, habe nicht daran gedacht, ob ich gerade in Gliwice, Bytom oder Zabrze bin. Das durch Bergbauschäden in den Boden sinkende Bytom, das ist ein Drama von entsetzlichem Ausmaß. Mein Traum wäre, darüber eine Oper zu machen. Die Schwerindustrie, die früher für Schlesien ein Segen war, ist heute zum Fluch geworden? Einen anderen Ort, an dem sich so viele überalterte Schwerindustrieanlagen befinden, gibt es in Polen sonst nicht. Diese Industrie gilt es komplett zu revitalisieren, Schlesien und die Schlesier alleine schaffen das aus eigenen Kräften nicht. Was sollte man Ihrer Meinung nach tun? Wenn es nicht diese antideutsche Einstellung gäbe, dann könnte man einen Anfang dadurch machen, dass man sich in den Zug setzt und in wenigen Stunden in das Ruhrgebiet fährt: und sich ansehen, wie man dort das Problem gelöst hat. Sie scherzen! Dort wurden Milliarden ausgegeben. Die kriegt man in Polen nicht. Das Geld ist nicht das Problem, sondern vor allem die fehlenden Konzepte und Entscheidungen. Wenn sich jemand mit fehlendem Geld herausredet, dann glaube ich nicht daran. Zunächst sollte man selber für eine Sache überzeugt auftreten, sich zusammen organisieren und dann wird sich das Geld finden können. Sogar in solchen Ruinen, wie Sie in dem Film gezeigt haben, lässt sich also was machen? Gäbe es in Oberschlesien z.B. Kunstgalerien, dann würden sich auch Investoren finden, die hier ihr Kapital investieren. Es wird dann klar: hier gibt’s Menschen, die über den Tellerrand schauen können und sie werden unsere Vorhaben absichern können. Wer soll das machen, wenn die Menschen, die in dem Film zu sehen sind – sogar die, die schon lange hier leben – sich in Schlesien immer noch fremd fühlen? Ich möchte nicht missverstanden werden, aber mir fallen hier die Vertriebenenverbände ein. Die Menschen, die dort organisiert sind, leben oft nur in der Vergangenheit, anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie man das heutige Leben gestalten könnte. Ich verstehe diese Menschen gut, weil sie in ihren Traumata versunken sind und keiner ihnen dabei hilft. Es gibt doch den Spruch, dass man sich am eigenen Schopf nicht aus dem Dreck herausziehen kann. Polnische Vertriebene aus den ehemals polnischen Gebieten sind zu hermetisch. Ich meine: warum könnten sich Frau Skalska und Frau Steinbach nicht zusammen an einen Tisch setzen und über Lösungen für Schlesien sprechen? Vielleicht weil jede von ihnen lieber über ihre eigenen Probleme reden als die der anderen zuhören will? Ich bin mir darüber bewusst, welche Gefahren ein solches Treffen mit sich bringen würde, aber ich denke trotzdem, dass einen Versuch wert wäre. Das ist doch auf jeden Fall besser als ständiges Klagen. Das übrige Polen hört ungern das ständige Jammern in Oberschlesien. Wie könnte man sie von einem Meinungswechsel überzeugen? Es geht nicht um übertriebene schlesische Ansprüche. Wenn ich durch Polen fahre, sehe ich in Warschau eine gigantische Bürokratie und dicke Datschas in Masuren. Das übrige Polen sollte sich für die schlesische Armut mitverantwortlich fühlen. Sind sie für schlesische Autonomie? Egal wie man das nennt, aber die Entscheidungsträger sollten doch akzeptieren, dass diese Region völlig anders als die anderen ist und man darf sie nicht mehr so behandeln wie bisher, weil das nicht funktioniert. Ich habe keine Patentrezepte, aber ich weiß, dass es mittlerweile zu wenige Einheimische in Oberschlesien gibt und sie alleine Schlesien vor dem Zusammenbruch nicht retten können. Schlesien war immer multikulturell und so soll es auch weiterhin bleiben. Mein Traum wäre, dass Frau Skalska und andere polnische Vertriebene sagen würden: auch wir sind Schlesier, mehrsprachige schlesische Ethnien. Schlesien ist unsere Heimat, für die wir die Verantwortung übernehmen werden und deren Schicksal in unseren Herzen liegt. Sie sind Fantast. Man sollte man doch mit irgendetwas anfangen, auch wenn es nur kleine Schritte wären. Durch den Film konnte sich bereits etwas bewegen. Nachdem ich mit der Kamera nach Tost gefahren bin um zu zeigen, was dort auf dem Gelände des ehemaligen NKWD Lager passiert, wurde dort ein Gottesdienst vom Bischoff abgehalten. Und die Schulen, in denen ich gedreht habe, haben mich eingeladen, meinen Film zu zeigen. .

Interview mit Michael Majerski zu seinem Film aus dem Jahr 2010 „Oberschlesien – Streuselkuchen von zu Hause”