Meiner Mutter Land

Majerski, Michael (Regie und Produktion), Meiner Mutter Land / Kraj mojej Matki. Dokumentarfilm aus Pommern/Pomorze. 2005. DVD 70 min. deutsch und polnische Untertitel.
„Hier bin geboren und hier wollte ich bleiben, und das war mein Problem.“ Die alte Frau sagt es nachdenklich und eindringlich zugleich: Sie will, dass sie verstanden wird. Ihr Gesicht ist eines von elf Frauengesichtern, die dem Betrachter des Film „Meiner Mutter Land“ lange nicht aus dem Kopf gehen werden. Die Gesichter, die Bilder, sehr nah in engen Stuben und Küchen aufgenommen, die aussehen wie aus einer vergangenen Zeit. Die Stimmen, die, manchmal aufgebracht und bewegt, doch meist ruhig erzählen in jenem Singsang aus pommerschen Platt und Polnisch. Zwei der Frauen sprechen kein Deutsch mehr. Denn „hier“ – das ist heute Polen, die Wojewodschaft Westpommern, kleine Dörfer. Vor dem Krieg gehörte dieses Stück Land an der Ostseeküste zu Deutschland, zu Pommern. Hier hat sich seither scheinbar nicht viel verändert an der Landschaft, den Häusern. Manchmal geht man mit einer der Frauen hinaus ins Dorf, schaut aufs Wasser, die verschneiten Wiesen. Man geht langsam, mit der Langsamkeit, mit der Ruhe des Alters.
„Man sollte vergeben, vergessen nicht, aber jetzt bin ich alt und möchte meine Ruhe haben.“ Auch diese Äußerung könnte wie manche andere der elf Frauen stehen, die der Regisseur Michael Majerski aufgesucht hat, um sich ihre so verschiedenen und doch so ähnlichen Schicksale erzählen zu lassen. Einen Auftrag hatte er nicht, einen inneren nur, den Motor aller seiner Arbeiten: Zeichen setzen gegen das Vergessen, sensible Zeichen. Es war seine Idee, einen Dokumentarfilm über jene deutsche Frauen zu drehen, die 1945 blieben, wo sie waren – in ihrer Heimat, die nun auf einmal zu Polen gehörte. Wo es zum Problem wurde, als Deutsche bleiben zu wollen. Sie sind alte geworden, jene, die noch leben. Sie haben sich den behutsamen Fragen des erfahrenen Dokumentarfilmers nach und nach geöffnet und erstmals vor der Kamera von sich berichtet, eindringlich und umfassend, erbittert, wehmütig und zugleich voller Humor. Ruhe haben… ja. Doch die wenige Frauen, die sich entschlossen haben, den politischen Entwicklungen eine persönliche Entscheidung entgegenzustellen und mit den Folgen zumeist ganz auf sich gestellt waren, haben nun am Ende ihres Lebens einen weiteren Entschluss gefasst – ihre Scheu abzulegen und ihr Schicksal für die Nachkommenden aufzeichnen zu lassen.
Keine von ihnen hat je viel oder gar öffentlich darüber gesprochen, was es hieß, als Deutsche auf dem heimatlichen Hof und doch plötzlich in einem fremden Land zu leben. Die Ehemänner waren Polen, die, selbst heimatlos und kriegsmüde, mit der deutschen Frau zumeist auch deren elterlichen Besitz samt aller damit verbundenen Arbeit übernahmen – und die Funktion, die Ehefrau vor den polnischen Landsleuten zu schützen. Denn gern gesehen waren die Deutschen nicht. Es gab Anfeindungen, Fremdheit, die noch die alt gewordenen Frauen zu umgeben scheint. Etwas wie Trotz klingt an bei den Gebliebenen. Viele haben den Druck nicht ausgehalten. Erst in den 70er Jahren durften sie als Spätaussiedler samt ihren Familien nach Deutschland. Zurück ? Oder weg ? Tausende sind ausgereist, bis heute stehen die leeren Höfe und verfallen allmählich.
Das Leben blieb entbehrungsreich. Der Kontakt zu Schickalsgefährtinnen war beschränkt, weil Zeit für Besuche gab es nicht. Die Kinder – auch jene der zwei Frauen, die durch die Flucht nach Deutschland kamen und dort blieben – interessierte die Vergangenheit der Mütter kaum. „Die Kinder wollen nichts davon wissen, das ist doch deine Heimat und nicht unsere.“ „Die sagen – Mutter, du sollst das vergessen.“
Nach der Schule gab es für die Frauen keine weitere Ausbildungsmöglichkeit mehr. Die Nachkriegszeit erforderte alle Kräfte zu Überleben und zur Hilfe für die Nächsten. Das Erlernen der polnischen Sprache war schwierig genug. Eine der Frauen blieb Analphabetin. Und dennoch – die Sorgfalt, Emotionalität und Güte, mit der sie alle auf ihr Leben und ihre Erlebnisse zurückblicken, vermittelt Weisheit und Ausgesöhnt sein. Eine Weisheit, die den Blick ins Heute und Morgen nicht ausspart.
Amüsiert beobachten die alten Frauen heute die gegenläufige Tendenz: junge deutsche Männer, die der Anmut der jungen Polinnen verfallen… und wieder Mischehen gründen. Als wäre, so mag es ihnen erscheinen, dieser Aspekt des eigenen Schicksals eine Perle in einer Kette, nicht mehr gar so ungewöhnlich und unter weit friedlicheren Vorzeichen. „Vielleicht verstehen sich die deutschen Kinder oder die Jugendlichen mit den polnischen besser als die älteren, das ist doch durchaus möglich.“
So endet der Film fast beschaulich. Majerski, dessen begleitende Filmbeschreibung für diese Filmbesprechung mitgenutzt wurde, gestaltet die Fahrt ins Nachbarland zu einer Fahrt in die eigene Geschichte. Im Laufe der Gespräche ist uns die eine oder andere der alten Damen fast ans Herz gewachsen. Meine eigene Großmutter habe ich kaum gekannt. Sie ist 1945 nicht geblieben, sondern machte sich mit Mann und Kind im Treck auf den Weg gen Westen, wie fast das ganze Dorf – nur eine Frau blieb dort zurück. Meine Mutter erzählte, als wir Kinder waren, wenig über die Flucht. Gut wäre es, eine Großmutter zu haben, die einem so, auf einem Sofa oder am Kachelofen sitzend, Kartoffeln schälend oder auch mal empört auf den Küchentisch hauend ihr Leben erzählt.
Wie Majerski es geschafft hat, ohne jeden Voyeurismus eine solche Authentizität zu vermitteln, objektiv zu bleiben und doch persönliche Nähe zu ermöglichen, das ist für mich neben seinen zeitgeschichtlichen Wert das größte Verdienst des Films.
Brit Bellmann, Greifswald („Zeitgeschichte regional.“ Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern.12.Jg.1/08)