Filmkritiken

„Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen“ ist ein Dokumentarfilm, der ein empfindliches und bisher tabuisiertes Thema behandelt: die deutsch-polnischen Konflikte in Oberschlesien nach dem Krieg, die zerstörte Gemeinschaft als Folge der Vertreibungen aus dem annektierten Ostpolen und die massiven Aktivitäten der polnischen Nationalisten gegen die deutschen Schlesier heute. Der Film erzählt mit schockierender Direktheit, wie seit fast siebzig Jahren die Geschichte Oberschlesiens kontinuierlich verschwiegen und verdrängt wird und wie die Spuren der alten Kulturen vernichtet werden. Zum ersten Mal werden die Bemühungen der neuen Generation von Schlesiern gezeigt zu einer eigenen Identität zu finden, ohne dabei auf ein rechts-nationalistisches Niveau abzurutschen. Der Film macht deutlich, dass das Schweigen über die Konsequenzen der Umsiedlungen und die Migration der Kulturen in Europa durchbrochen werden muss. Denn das ist eine zwingende Voraussetzung für Diskussionen über die Bildung einer neuen europäischen Identität mit gemeinsamen Werten.

Meine Filme sollen über Schlesien schreien

„Gazeta Wyborcza“ vom 11.10.2013 Katowice. Photo und Zwischentitel: Von Josef Krzyk „Gazeta Wyborcza“ vom 11.10.2013 Katowice.

Michael – eigentlich Michal – Majerski, seit Ende 1970 in Deutschland arbeitend, Schlesier, lebt in Berlin und Stettin, Absolvent der Filmhochschule in Lodz, hat sich als Spezialist für Themen erwiesen, um die andere einen weiten Bogen machen. In „ Meiner Mutter Land“ und „Meines Vaters Haus“ hat er uns über Polen erzählt, die nach dem 2.Weltkrieg Westpommern besiedelt haben, weil sie aus ihrer Heimat von Stalin verjagt wurden – und er erzählt auch über die Deutschen, die deshalb vertrieben wurden und sich einen anderen Platz zum Leben suchen mussten. Aber auch über deutsche Frauen spricht er, die trotz allem gewagt haben, dort unter den jetzt neuen und fremden Nachbarn zu bleiben. Majerski hat dabei nicht moralisiert und belehrt, sondern dokumentiert das Drama der Einen und der Anderen, der Entwurzelten, die in einer fremd gewordenen Welt verloren sind.  Majerski gelang es, die Protagonisten über ihre eigenen Geschichten zum Reden bringen, über die sie Jahrzehnte lang geschwiegen haben. Ein ähnliches Kunststück gelang ihm in seinen schlesischen Dokumentarfilmen – „Oberschlesien-Streuselkuchen von zu Hause“ vor drei Jahren und in dem in diesen Tagen in Chorzow gezeigten „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen“ ( Lob an Krzysztof Karwat, der den Film in Rahmen der Zyklus  „Oberschlesien – die kleine Heimat“ im Theater „Rozrywki“ präsentiert hat).  Achtung Katastrophe Wenn der vorletzte Film eine Art nostalgische Reise durch Oberschlesien war, angereichert mit Gesprächen mit Schlesiern, die ausgewandert sind und sich ein neues Zuhause am Rhein erbauten, dann ist der neue Film von Majerski – das Ergebnis zweijähriger Arbeit – ein Schrei danach, Schlesien vor einer Katastrophe zu retten. Ein Schrei – betont durch Bilder von gesprengten Schachttürmen und toten Landschaften. Majerski hat die Seiten Schlesiens gezeigt, die keiner von denen, die hier leben, sehen will. Er hat eine Welt gefilmt von alten, auseinanderfallenden Arbeitersiedlungen, von armen Leuten bewohnt. Der einzig gut aussehende Ort in seinem Film ist ein neu gebauter Kreisverkehr in einer Kleinstadt, der als Kulisse für eine düstere Geschichte dient: Gleich unter der Oberfläche der neuen Straße liegen Skelette von jungen deutschen Gymnasiasten, denen irgendein Wahnsinniger in den letzten Kriegstagen befohlen hat, Soldatenuniformen anzuziehen und der sie unbewaffnet direkt vor die  Maschinengewehre der einmarschierenden Rotarmisten schickte. In dem schlesischen Städtchen, in dem das passiert ist, wissen viele davon, aber nur einer – Majerski zeigt ihn – trauert. Er wohnt dort erst seit der Nachkriegszeit und ist kein Schlesier. Er hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen über seinen Großvater, der in der Nachkriegszeit von polnischen Sicherheitsbehörden des Polizeireviers in Mielec auf dem Müll vergraben wurde. Ähnlich traurig ist auch die Szene, in der die Kamera das Gelände der ehemaligen Lagers der NKWD in Tost besucht. Es ist vor Kurzem in ein Kohlenlager umgewandelt worden. Die Angehörigen derer, die hier zu Tode gefoltert wurden, dürfen keine Blumen niederlegen, weil sie nicht durch das Tor durchgelassen werden.
Die Erben des Hasses Der Film von Majerski ist aber keine Abrechnung mit schlesischer Nachkriegsgeschichte,  obwohl viele von seinen Protagonisten über ihr Unrecht  erzählen. Majerski legt Wert darauf, dass sichtbar wird, wie wenig die Bewohner Schlesiens über einander wissen. Die Tatsache, dass sie alle in getrennten Welten und ohne wirkliche Kontakte untereinander leben,  ist der Meinung des Regisseurs zufolge die Ursache der sich immer mehr vergrößernden schlesischer Katastrophe. „Nicht das fehlende Geld, sondern der  fehlende Wille ist der Grund, weshalb Oberschlesien nicht dem Ruhrgebiet ähnelt“. Majerski beginnt seinen Film mit einem  Motto, einer Warnung: „Wir sind die Erben des Hasses“. Unbewusst bestätigen das auch einige seiner Protagonisten. Seit über 60 Jahren leben sie auf gepackten Koffern und denken an die Schicksale der längst verstorbenen Eltern und Großeltern – und Majerski glaubt, dass auf diese Weise die Traumata an die nächste Generation weitergegeben werden. Die Politik – jetzt seid ihr an der Reihe Der Filmemacher meint, dass der Ausbruch aus dem verfluchten Kreis nur durch Annährung von allen gesellschaftlichen Kreisen in Schlesien und vor allem durch eine gründliche Reform der Schulbildung möglich sein kann. Eine erste Unterrichtsstunde  hat er selber während seiner Arbeit an dem Film gegeben – die Schüler  des Slowacki Lyzeum in Chorzow  haben erfahren, dass ihre Schule früher einen anderen Namensgeber hatte. Dieser Film – das hat Majerski selber gesagt – ist für junge Menschen gedacht, damit diese ihre Augen für die Umwelt öffnen, in der sie leben. Es wäre aber auch gut, wenn sich diesen Film „Oberschlesien – Hier, wo wir uns begegnen“  auch Politiker anschauen würden, denn Majerski, der die Politik  meidet, hat eine Wirklichkeit berührt, die sich nicht ändern wird, wenn die Politiker sie weiter ignorieren. Leider weiß man jedoch nicht, wo und wann man sich den Film nochmals anschauen könnte, da er nur selten gezeigt wird, was sehr schade ist.

Josef Krzyk: Warum haben Sie Oberschlesien in so düsteren Farben gezeigt, sind wir wirklich so? Michael Majerski: Das ist nur ein Kostüm, das aus dem Thema des Films hervorgeht und aus den Menschen, die ich dort getroffen habe. Als ich mit dem Drehen angefangen habe, hatte ich kein fertiges Drehbuch, ich wusste nicht in welche Richtung ich gehen werde. Hätte ich andere Menschen getroffen, würde ich in dem Film ein anderes Schlesien zeigen. Manchmal hatte ich den Eindruck, das ist ein Film über die letzten Schlesier. Wollten sie das zeigen? Mein Film ist ein Schrei, weil ich zu Schlesien ein sehr emotionelles Verhältnis habe. Ich stamme von hier und sehe, dass die Reste unserer Kultur verschwinden. Vielleicht ist das  ein natürlicher Ablauf der Dinge, es schmerzt aber trotzdem. Haben sie nicht aufgehört sich als Schlesier zu fühlen, obwohl sie hier seit über 30 Jahre nicht mehr leben ? Ich bin in Polanica (Altheide Bad) geboren wo meine Mutter eine Arbeitsanweisung bekommen hatte. Dort hat sie dann meinen polnischen Vater kennen gelernt. Groß geworden bin ich aber in Gliwice (Gleiwitz), in dem Stadtteil, den man das „Bermudadreieck“ nennt. Das ist ein Viertel wo alles zusammenfällt – die  Czeslawa und die Franciszkanska Straße. In Gliwice gibt’s doch viele schönere Plätze. Könnte man nicht lieber dort drehen? Auseinanderfallende Siedlungen gibt’s nicht nur in meinem „Bermudadreieck“. Als ich den Film gedreht habe, habe nicht daran gedacht, ob ich gerade in Gliwice, Bytom oder Zabrze bin. Das durch  Bergbauschäden in den Boden sinkende Bytom, das ist ein Drama von entsetzlichem Ausmaß. Mein Traum wäre, darüber eine Oper zu machen.  Die Schwerindustrie, die früher für Schlesien ein Segen war, ist heute zum Fluch geworden? Einen anderen Ort, an dem sich so viele überalterte Schwerindustrieanlagen befinden, gibt es in Polen sonst nicht. Diese Industrie gilt es komplett zu revitalisieren, Schlesien und die Schlesier alleine schaffen das aus eigenen Kräften nicht. Was sollte man Ihrer Meinung nach tun? Wenn es nicht diese antideutsche Einstellung gäbe, dann könnte man einen Anfang dadurch machen, dass man sich in den Zug setzt und in wenigen Stunden in das Ruhrgebiet fährt: und sich ansehen, wie man dort das Problem gelöst hat. Sie scherzen! Dort wurden Milliarden ausgegeben. Die kriegt man in Polen nicht. Das Geld ist nicht das Problem, sondern vor allem die fehlenden Konzepte und Entscheidungen. Wenn sich jemand mit fehlendem Geld herausredet, dann glaube ich nicht daran. Zunächst sollte man selber für eine Sache überzeugt auftreten, sich zusammen organisieren und dann wird sich das Geld finden können. Sogar in solchen Ruinen, wie Sie in dem Film gezeigt haben, lässt sich also was machen? Gäbe es in Oberschlesien z.B. Kunstgalerien, dann würden sich auch Investoren finden, die hier ihr Kapital investieren. Es wird dann klar: hier gibt’s  Menschen, die über den Tellerrand schauen können und sie werden unsere Vorhaben absichern können. Wer soll das machen, wenn die Menschen, die in dem Film zu sehen sind – sogar die, die schon lange hier leben – sich in Schlesien  immer noch fremd fühlen? Ich möchte nicht missverstanden werden, aber mir fallen hier die Vertriebenenverbände ein.  Die Menschen, die dort organisiert sind, leben oft nur in der Vergangenheit, anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie man das heutige Leben gestalten könnte. Ich verstehe diese Menschen gut, weil sie in ihren Traumata versunken sind und keiner ihnen dabei hilft. Es gibt doch den Spruch, dass man sich am eigenen Schopf nicht aus dem Dreck herausziehen kann. Polnische Vertriebene aus den ehemals polnischen Gebieten sind zu  hermetisch. Ich  meine: warum könnten sich  Frau Skalska und Frau Steinbach nicht zusammen an einen Tisch setzen  und über Lösungen für Schlesien sprechen? Vielleicht weil jede von ihnen lieber über ihre eigenen Probleme reden als die der anderen zuhören will? Ich bin mir darüber bewusst, welche Gefahren ein solches Treffen mit sich bringen würde, aber ich denke trotzdem, dass einen Versuch wert wäre. Das ist doch auf jeden Fall besser als ständiges Klagen. Das übrige Polen hört ungern das ständige Jammern  in Oberschlesien. Wie könnte man sie von einem Meinungswechsel überzeugen? Es geht nicht um übertriebene schlesische Ansprüche. Wenn ich durch Polen fahre, sehe ich in Warschau eine gigantische Bürokratie und dicke Datschas in Masuren. Das übrige Polen sollte sich für die schlesische Armut mitverantwortlich fühlen. Sind sie für schlesische Autonomie? Egal wie man das nennt, aber die Entscheidungsträger sollten doch akzeptieren, dass diese Region völlig anders als die anderen ist und man darf sie nicht mehr so behandeln wie bisher, weil das nicht funktioniert. Ich habe keine Patentrezepte, aber ich weiß, dass es mittlerweile zu wenige Einheimische in Oberschlesien gibt und sie alleine Schlesien vor dem Zusammenbruch nicht retten können. Schlesien war immer multikulturell und so soll es auch weiterhin bleiben. Mein Traum wäre,  dass Frau Skalska und andere polnische Vertriebene sagen würden: auch wir sind Schlesier, mehrsprachige schlesische Ethnien. Schlesien ist unsere Heimat, für die wir die Verantwortung übernehmen werden und deren Schicksal in unseren Herzen liegt. Sie sind Fantast. Man sollte man doch mit irgendetwas anfangen, auch wenn es nur kleine Schritte wären. Durch den Film konnte sich bereits etwas bewegen. Nachdem ich mit der Kamera nach Tost gefahren bin um zu zeigen, was dort auf dem Gelände des ehemaligen  NKWD Lager passiert,  wurde dort ein Gottesdienst vom Bischoff abgehalten. Und die Schulen, in denen ich gedreht habe, haben mich eingeladen, meinen Film zu zeigen.

Wir sind die Erben des Hasses

Die Erben des Hasses

Gespräch mit Michael Majerski, schlesischer Filmregisseur und Dokumentarfilmemacher. Interview in „Nowiny Rybnik“ vom 16.10.2013 Wer waren Ihre Eltern ? Meine Mutter und ihre Familie haben Deutsch und Schlesisch gesprochen. Mein Vater hat diese Sprachen gar nicht verstanden, er hat nur polnisch gesprochen. Ich bin in einem  Umfeld aufgewachsen, in dem man  Fragen über Wurzeln und Abstammung nicht gestellt hat. Niemand hat gefragt: Was ist Schlesien? Doch schon in der Schule habe ich Unterschiede gesehen. Der eine kam von hier der andere von dort. Vor vier Jahren bin ich zum ersten Mal nach vielen Jahren nach Schlesien gereist und habe dort einen Dokumentarfilm „Oberschlesien-Streuselkuchen von zu Hause“ über Menschen gemacht, die zwischen Polen und Deutschland leben. Als ich mit den Leuten gesprochen habe, habe ich Sachen erfahren, von denen ich früher keine Ahnung hatte. In der Schule habe ich die Geschichte von den Kommunisten gelernt. Leider sehe ich, dass in den Schulen in Schlesien bis heute nicht über die Geschichte des Landes gesprochen wird. Bis heute werden die Polen auf die Deutschen gehetzt. Wie unterscheiden sich Ihre beiden letzten Filme voneinander? In dem ersten habe ich Menschen gefunden, die erzählt haben und ich habe zugehört. In dem neuen Film habe ich eine andere Form angewendet – ich fing an provokante Fragen zu stellen, um die Leute wach zu rütteln. Ich glaube es ist die Zeit gekommen, sich nicht mehr nur darauf zu konzentrieren, was früher war, sondern die Augen dafür zu öffnen, was heute los ist. Schon im ersten Film habe ich gesehen, dass in Schlesien Menschen leben, die sehr verschiedene und  gebrochenen Biographien haben. Hier sind sich alle mit dem aus der Kriegszeit geerbten Hass begegnet und jetzt leben Sie hier  als Nachbarn nebeneinander. Ich habe angefangen zu fragen, warum hier so ein Drama herrscht, dass die Menschen nicht miteinander reden.  Warum ist dieser Raum so krank, warum ist Schlesien so eine Ruine, warum gibt es hier so ein Armut ? Ist es wirklich so schlecht ? Es ist sehr schlecht, weil die Menschen noch immer ein Gefühl von Unrecht in sich tragen, das sie nach wie vor nicht verarbeitet haben. Schlesien ist jetzt wie ein Loch in der Erde, aus dem eine Rauchwolke kommt. Früher war dies doch eine mehrsprachige Region, in der nebeneinander viele Kulturen gelebt haben, die sich gegenseitig ergänzt haben. An die Stelle der Männer, die aus dem Krieg nicht zurückgekommen sind oder verjagt wurden, traten polnische Männer aus Zentralpolen, die dieses Land nicht kannten und nicht verstanden haben. Sie erschufen sich eine eigene kleine Heimat, die sich auf den kleinen Raum zwischen Wohnung im Plattenbau und der Grube beschränkte. Von wem sollte ich als Kind denn erfahren, wo ich lebe? Mein Vater hatte keine Ahnung und die Schule unter Aufsicht der kommunistischen Partei hat mir das nicht beigebracht. Unter solchen Lebensbedingungen konnte die Familien nicht richtig funktionieren und schon gar kein Gemeinschaftsgefühl aufbauen – deshalb haben wir jetzt in Schlesien so viel Pathologie. Und die kranke Situation wird so lange dauern bis alle, die hier leben, nicht über sich sagen werden: Ich bin auch ein Schlesier. Ihrer Meinung nach hat Schlesien eine Chance zu überleben und sich endlich weiter harmonisch zu entwickeln ? Ich glaube, dass es für Schlesien noch nicht zu spät ist, weil es hier noch Menschen gibt, die sich an vieles erinnern und darüber erzählen könnten. Schlesien ist nicht die einzige Region in Europa, die durch eine fremde Kultur dominiert wurde, aber der Unterschied zu anderen Regionen ist, dass hier noch Menschen geblieben sind, Autochthonen, die letzten Indianer, wie ich sie nenne, denen es gelungen ist zu überleben und die nicht abgeschlachtet oder verjagt wurden. Sie sind für die heutige Politiker wie ein schlechtes Gewissen, weil ihnen damit ständig vor Augen geführt wird, dass es darum geht sich zu verständigen, damit es nicht zum nächsten Krieg kommen könnte. Was ist heute das Wichtigste, das Dringendste? Vor allem sollte man in Schlesien das Schulwesen radikal ändern und mit dem postkommunistischen Schulprogrammen Schluss machen. Bis heute gibt es keine Schulbücher über die schlesische Geschichte.  Es sollte klar werden: So ist die Geschichte und Punkt. Man muss auch mit den unsinnigen gegenseitigen Beschuldigungen aufhören, dass der Großvater des einen bei der Wehrmacht und des anderen bei der polnischen Sicherheitspolizei war. Das hat doch heute keine Bedeutung mehr. Immer stelle ich mir die Frage, warum in Schlesien immer noch die Vielfalt zerstört  wird? Solche Pogrome haben lange Tradition – zum Beispiel damals in Deutschland, als die Nazis an die Macht kamen. Welche Folgen das hatte, wissen wir alle. Wenn in Schlesien im Namen der politischen Korrektheit weiter diese Vielfalt zerstört wird, kann das tragisch enden.
Das Gespräch führte Isa Salomon.

Meiner Mutter Land

MEINER MUTTER LAND / Kraj mojej Matki. Dokumentarfilm aus Pommern/Pomorze. Majerski, Michael (Regie und Produktion), 2005. DVD 70 min. deutsch und polnische Untertitel. „Hier bin geboren und hier wollte ich bleiben, und das war mein Problem.“ Die alte Frau sagt es nachdenklich und eindringlich zugleich: Sie will, dass sie verstanden wird. Ihr Gesicht ist eines von elf Frauengesichtern, die dem Betrachter des Film „Meiner Mutter Land“ lange nicht aus dem Kopf gehen werden. Die Gesichter, die Bilder, sehr nah in engen Stuben und Küchen aufgenommen, die aussehen wie aus einer vergangenen Zeit. Die Stimmen, die, manchmal aufgebracht und bewegt, doch meist ruhig erzählen in jenem Singsang aus pommerschen Platt und Polnisch. Zwei der Frauen sprechen kein Deutsch mehr. Denn „hier“ – das ist heute Polen, die Wojewodschaft Westpommern, kleine Dörfer. Vor dem Krieg gehörte dieses Stück Land an der Ostseeküste zu Deutschland, zu Pommern. Hier hat sich seither scheinbar nicht viel verändert an der Landschaft, den Häusern. Manchmal geht man mit einer der Frauen hinaus ins Dorf, schaut aufs Wasser, die verschneiten Wiesen. Man geht langsam, mit der Langsamkeit, mit der Ruhe des Alters. „Man sollte vergeben, vergessen nicht, aber jetzt bin ich alt und möchte meine Ruhe haben.“ Auch diese Äußerung könnte wie manche andere der elf Frauen stehen, die der Regisseur Michael Majerski aufgesucht hat, um sich ihre so verschiedenen und doch so ähnlichen Schicksale erzählen zu lassen. Einen Auftrag hatte er nicht, einen inneren nur, den Motor aller seiner Arbeiten: Zeichen setzen gegen das Vergessen, sensible Zeichen. Es war seine Idee, einen Dokumentarfilm über jene deutsche Frauen zu drehen, die 1945 blieben, wo sie waren – in ihrer Heimat, die nun auf einmal zu Polen gehörte. Wo es zum Problem wurde, als Deutsche bleiben zu wollen. Sie sind alte geworden, jene, die noch leben. Sie haben sich den behutsamen Fragen des erfahrenen Dokumentarfilmers nach und nach geöffnet und erstmals vor der Kamera von sich berichtet, eindringlich und umfassend, erbittert, wehmütig und zugleich voller Humor. Ruhe haben… ja. Doch die wenige Frauen, die sich entschlossen haben, den politischen Entwicklungen eine persönliche Entscheidung entgegenzustellen und mit den Folgen zumeist ganz auf sich gestellt waren, haben nun am Ende ihres Lebens einen weiteren Entschluss gefasst – ihre Scheu abzulegen und ihr Schicksal für die Nachkommenden aufzeichnen zu lassen. Keine von ihnen hat je viel oder gar öffentlich darüber gesprochen, was es hieß, als Deutsche auf dem heimatlichen Hof und doch plötzlich in einem fremden Land zu leben. Die Ehemänner waren Polen, die, selbst heimatlos und kriegsmüde, mit der deutschen Frau zumeist auch deren elterlichen Besitz samt aller damit verbundenen Arbeit übernahmen – und die Funktion, die Ehefrau vor den polnischen Landsleuten zu schützen. Denn gern gesehen waren die Deutschen nicht. Es gab Anfeindungen, Fremdheit, die noch die alt gewordenen Frauen zu umgeben scheint. Etwas wie Trotz klingt an bei den Gebliebenen. Viele haben den Druck nicht ausgehalten. Erst in den 70er Jahren durften sie als Spätaussiedler samt ihren Familien nach Deutschland. Zurück ? Oder weg ? Tausende sind ausgereist, bis heute stehen die leeren Höfe und verfallen allmählich. Das Leben blieb entbehrungsreich. Der Kontakt zu Schickalsgefährtinnen war beschränkt, weil Zeit für Besuche gab es nicht. Die Kinder – auch jene der zwei Frauen, die durch die Flucht nach Deutschland kamen und dort blieben – interessierte die Vergangenheit der Mütter kaum. „Die Kinder wollen nichts davon wissen, das ist doch deine Heimat und nicht unsere.“ „Die sagen – Mutter, du sollst das vergessen.“ Nach der Schule gab es für die Frauen keine weitere Ausbildungsmöglichkeit mehr. Die Nachkriegszeit erforderte alle Kräfte zu Überleben und zur Hilfe für die Nächsten. Das Erlernen der polnischen Sprache war schwierig genug. Eine der Frauen blieb Analphabetin. Und dennoch – die Sorgfalt, Emotionalität und Güte, mit der sie alle auf ihr Leben und ihre Erlebnisse zurückblicken, vermittelt Weisheit und Ausgesöhnt sein. Eine Weisheit, die den Blick ins Heute und Morgen nicht ausspart. Amüsiert beobachten die alten Frauen heute die gegenläufige Tendenz: junge deutsche Männer, die der Anmut der jungen Polinnen verfallen… und wieder Mischehen gründen. Als wäre, so mag es ihnen erscheinen, dieser Aspekt des eigenen Schicksals eine Perle in einer Kette, nicht mehr gar so ungewöhnlich und unter weit friedlicheren Vorzeichen. „Vielleicht verstehen sich die deutschen Kinder oder die Jugendlichen mit den polnischen besser als die älteren, das ist doch durchaus möglich.“ So endet der Film fast beschaulich. Majerski, dessen begleitende Filmbeschreibung für diese Filmbesprechung mitgenutzt wurde, gestaltet die Fahrt ins Nachbarland zu einer Fahrt in die eigene Geschichte. Im Laufe der Gespräche ist uns die eine oder andere der alten Damen fast ans Herz gewachsen. Meine eigene Großmutter habe ich kaum gekannt. Sie ist 1945 nicht geblieben, sondern machte sich mit Mann und Kind im Treck auf den Weg gen Westen, wie fast das ganze Dorf – nur eine Frau blieb dort zurück. Meine Mutter erzählte, als wir Kinder waren, wenig über die Flucht. Gut wäre es, eine Großmutter zu haben, die einem so, auf einem Sofa oder am Kachelofen sitzend, Kartoffeln schälend oder auch mal empört auf den Küchentisch hauend ihr Leben erzählt. Wie Majerski es geschafft hat, ohne jeden Voyeurismus eine solche Authentizität zu vermitteln, objektiv zu bleiben und doch persönliche Nähe zu ermöglichen, das ist für mich neben seinen zeitgeschichtlichen Wert das größte Verdienst des Films. Brit Bellmann, Greifswald („Zeitgeschichte regional.“ Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern.12.Jg.1/08)

Filmkritiken Dokumentarfilm 75 Min. Michael Majerski und Oberschlesien.
Michael Majerski ist ein zeitgenössischer Dokumentalist des breit verstandenen deutsch-polnischen Grenzgebiets. Majerski hat sich nie leichte Themen ausgesucht.
Er ist in einer polnisch-deutsch-oberschlesischen Familie in Oberschlesien aufgewachsen. So wundert es nicht, dass er sich nun an das schwierige Thema der ethnischen Zugehörigkeit herangewagt hat. Der Regisseur versucht deutliche Fragen über die Nachkriegsgeschichte und die Zukunft von den ehemals deutschen Gebieten zu formulieren. Die Fragen sind in erster Linie an die junge Generation gerichtet, die schon die dritte Nachkriegsgeneration in den polnischen Westgebieten lebt.
Bislang hat er wie aus einem Versteck heraus menschliche Schicksale beschrieben. Seine bisherigen Filme sind Beschreibungen einer Welt und ihrer Stimmen. In seinen letzten Film „Oberschlesien-Hier, wo wir uns begegnen“ greift er an, versucht ganz bewusst und direkt in unser Schicksal zu intervenieren. Er fordert, endlich das Schweigen über unsere Geschichte zu durchbrechen, denn er glaubt, dass dieser Weg der richtige ist und uns in eine Welt führen wird, die geordnet und vorausschaubar ist.
Der Film ist eine künstlerische Antwort auf die Traumata des Vergessens, die im Nachkriegseuropa allgegenwärtig sind, insbesondere in unserem Teil des Kontinents, doch fügt er sich auch ein in eine neue Welle des Wiedererinnerns, die auch bei uns sichtbar wird.
Einige seiner Aussagen akzeptieren wir, andere nicht – wie im Leben. Nicht nur die Einwohner Oberschlesiens, einer Landschaft mit nicht entladenen Spannungen werden den Film mit Spannung sehen („Dziennik Zachodni“).